Zum Tode von Prof. Horst-Eberhard Richter – „Eine außerordentliche Persönlichkeit unserer Zeit“

Die Nachricht vom Tode des ACE-Ehrenvorsitzenden wurde in der Siedlung mit tiefer Trauer aufgenommen. „Der ganze Verein ist sehr betroffen und traurig“, sagte ACE-Vorsitzender Theo Strippel. „Für die Leute vom Eulenkopf war Horst-Eberhard Richter ein ganz besonderer Mensch, ein Wegbegleiter über gut und gerne vier Jahrzehnte, der mit seiner Schule machenden Initiative den Eulenköpflern in den siebziger Jahren nicht nur zu Selbstbewusstsein und besseren Lebensbedingungen verhalf, sondern sie auch Stück für Stück aus Stigmatisierung und Ausgrenzung in die Mitte der Gesellschaft führte.“ Richter, der den ACE Gießen 1974 mitgegründet hatte, „bleibt bei uns im Herzen und in den Gedanken“, sagte Strippel, der am Freitag nach Berlin fahren wird, um Abschied zu nehmen „von unserem Horst.“

Prof. Richter war darüber hinaus im Zuge der Psychiatrie-Reform maßgeblich an der Planung und Neuordnung der psychosozialen Versorgung im Land als Leiter von Arbeitsgruppen beteiligt. Der Aufbau eines netzwerkartigen Versorgungsmodells im Landkreis Gießen, von Zentren in Laubach und Grünberg mit Jugend-, Drogen- und Suchtberatung, Erziehungsberatung, Tagesstätte und betreutem Wohnen, folgte dem Konzept, gerade im ländlichen Raum mehr Gewicht auf Prävention und auf ganzheitliche Betreuung zu legen.

Richter, der nach seiner Emeritierung von 1992 bis 2002 das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut leitete, war zudem ein sehr erfolgreicher Autor. Fast 30 Bücher belegen sein breites Interessenspektrum. Sein Buch „Eltern, Kind und Neurose“ (1962) wurde zum Standardwerk der Kinderpsychologie und Erziehungswissenschaft. Zu seinen älteren Werken zählen neben anderen „Die Gruppe“ (1972) und „Lernziel Solidarität“ (1974). In „Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft“ (2006) knüpft er an den kulturphilosophischen und kulturpsychologischen Band „Der Gotteskomplex“ an, den Richter als sein Hauptwerk bezeichnete. In dem Buch „Die seelische Krankheit Friedlosigkeit ist heilbar“ behandelte Richter entscheidende Stationen und Wendepunkte seines persönlich und politisch bewegten Lebens. Sein letztes Buch „Moral in Zeiten der Krise“ erschien 2010.

Der Gießener Psychosozial-Verlag hat fast alle älteren Werke Richters neu herausgegeben. Der Verlag ging aus der von Horst-Eberhard Richter gegründeten Zeitschrift »psychosozial« hervor und verfolgt mit seinem Programm die Ziele, für die er sich engagierte, nämlich: die Erkenntnisse der Psychoanalyse auch für das Verständnis sozialer und politischer Konflikte nutzbar zu machen, erklärte Prof. Hans-Jürgen Wirth.

Sein konsequentes Eintreten für eine humane Gesellschaft, sein friedenspolitisches Engagement sind in Richters Biografie begründet. Am 28. April 1923 in Berlin geboren, wurde er im Alter von 18 Jahren zum Militär eingezogen. Er gehörte einem Artillerieregiment an der Russlandfront an. „Ich habe gesehen, was wir in diesem furchtbaren Angriffskrieg mit unseren Kanonen in russischen Dörfern angerichtet haben.“ Kurz vor der Verlegung seiner Truppe nach Stalingrad erkrankte er an einer lebensgefährlichen Diphtherie. Mit 22 Jahren geriet er in Kriegsgefangenschaft. Erst bei seiner Rückkehr erfuhr er vom Tod seiner Eltern, die zwei Monate nach Kriegsende bei einem Spaziergang von Russen ermordet worden waren.

 

Von Astrid Knöß – 21.12.2011 – GIESSEN


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